Rio de Janeiro - cidade maravilhosa!

90. - 93. Reisetag (13.10. - 16.10.2015)

Wir kommen nicht so früh los, wie eigentlich geplant. Zuerst läuft alles reibungslos, doch schon etliche Kilometer vor Niteroi beginnt der Stau. Es werden immer mehr Spuren und uns ist nicht klar, auf welcher es am schnellsten geht. Es wird gedrängelt und jeder versucht, so schnell wir möglich vom Fleck zu kommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir die Brücke. Der Blick auf die Skyline von Rio ist herrlich und das geringe Tempo stört uns jetzt gar nicht mehr, da wir so viel zu gucken haben. Es ist so gegen 11 Uhr vormittags und der Verkehr rollt gemächlich dahin. Am Ende der Brücke gelingt es uns ganz knapp die richtige Spur zu finden. So bewegen wir uns durch Häuserschluchten von Ampel zu Ampel. Unser GPS leistet gute Dienste, die Hochhäuser schauen uns von allen Seiten zu. Relativ direkt landen wir am Parkplatz des Ticketcenters für die Gondelbahnen zum Pao do Acucar am Praca Gal. Tiburcio. Um diesen kleinen Park herum stehen mehrere große Gebäude des brasilianischen Militärs. Das führt dazu, dass tagsüber die Parkplatzkassierer auf unser Auto aufpassen und nachts die Soldaten, die ebenfalls ununterbrochen über das Gelände spazieren. Während der WM wurden Overlander wie wir wohl weggeschickt, wir werden aber geduldet und nach kurzer Zeit von den Parkwächtern persönlich begrüßt. So einen sicheren und preisgünstigen Übernachtungsplatz hat wahrscheinlich sonst keiner in Rio. Der kleine Park wird stark von Touristen frequentiert, denn er endet in einer kleinen Bucht mit Sandstrand. Leider ist das Wasser ziemlich mit Plastikmüll verschmutzt, so dass uns das Baden dort nicht wirklich zusagt. Als wir ankommen ist der Himmel bedeckt und es sind weniger Leute unterwegs als zwei Tage später, als die Sonne vom Himmel knallt. Da stehen dann auch plötzlich Hamburger-, Hot Dogs-, Mais- und Getränkestände da. Sogar eine Masseurin bietet ihre Dienste an. Familien mit kleinen und großen Kindern kommen vorbei, nachts werden Angeln ins Meer gehalten, um Fische zu fangen. Es ist sehr lebendig und trotzdem entspannt.

 

Am ersten Nachmittag machen wir uns zu Fuß auf, Rio zu erkunden. Wir gehen bei bedecktem Himmel und über 30 Grad strammen Schrittes durch die Stadt zur Cocacabana, zum Strand von Ipanema, rüber zur Lagoa Rodrigo de Freitas, halb drumrum und biegen dann in Richtung Botafogo ab, um zu Ricardo, unserem Freund aus Santa Clara und Mitbesitzer der Meza Bar, zu kommen. Wir sind beeindruckt von der Vielfalt der Menschen, den Stränden direkt am Stadtrand und den vielen Möglichkeiten, sich hinzusetzen und bei einem Getränk dem Strandtreiben zuzuschauen. Alles wirkt friedlich und entspannt. Die Horrorgeschichten von Kinderbanden, die Touristen einfach überlaufen und ausrauben oder sogar erst abstechen und dann bestehlen, können wir uns zum Glück nicht vorstellen. Dennoch haben wir nur ein einziges Handy und wenig Geld bei uns. Wir wollen zumindest niemanden herausfordern.

Auf der Fahrt haben wir entdeckt, dass die Bar im Lonely Planet lobend erwähnt wird. Uns war gar nicht bewusst, dass es sich dabei um so ein hippes Lokal handelt. Als wir nach ungefähr 5 Stunden Wanderung durch die Stadt dort ankommen, sind wir trotz einer Trinkpause an der Copacabana völlig durchgeschwitzt und auch vom Styling her nicht unbedingt für eine Bar hergerichtet. Da es noch nicht einmal 18 Uhr ist, hat die Bar auch noch geschlossen und wir klönen erstmal eine Runde mit Ricardo auf dem Fußweg.  Drinnen werden wir mit sehr leckerem und bezahlbarem Essen verwöhnt, das wirklich besonders ist. Die Longdrinks schmecken uns auch. Ein bezaubernder Abend mit interessanten Gesprächen mit unseren Schweizer Tischnachbarn und natürlich mit Ricardo, der zwischen seinen Pflichten in der Bar und uns ständig hin und her hüpft.

Eigentlich wollen wir am nächsten Morgen auf den Zuckerhut, aber es ist bedeckt. So verbringen wir die Zeit im Auto und sortieren uns erstmal wieder. Viele Menschen bleiben an unserer Landkarte stehen und es ergeben sich zahlreiche Gespräche. Tatsächlich stehen dort auch 2 weitere Schweizerinnen, die zur Nationalmannschaft der schweizer Mountainbikerinnen gehören. Sie sind für Proberennen der Olympiade hier und mit Armin Küstenbrück unterwegs. Wir erzählen von unserem missglückten Versuch ihn zu treffen und stellen wieder einmal fest, wie klein die Welt doch ist.

An mehreren Stellen spürt man in der Stadt, dass sie sich auf die Olympiade vorbereitet. So sehen wir an der Lagune durch einen Zaun, wie die kanadischen Ruderinnen ihre Boote aufbauen. Wir vermuten, dass auch sie das Feld für die Wettkämpfe sondieren wollen. Darüber hinaus gibt es die eine oder andere Baustelle, die offensichtlich noch bis zum August des nächsten Jahres fertig werden soll. Flipflops, Handtücher, Kuscheltiere und Becher sind ebenfalls schon für den geneigten Touristen im Angebot. 

 

An diesem Abend fahren wir gemeinsam mit Ricardo ins Lapaviertel. Dort gibt es ein großes Aquadukt. Direkt davor parkt die Touristenpolizei. Man hört schon, dass Livemusik gespielt wird. Wir gehen unter dem Aquadukt durch und gelangen in eine total touristische Straße mit vielen Restaurants, in denen gegessen und in einigen davon auch Musik gemacht wird. Ricardo führt uns in ein Restaurant, in dem uns von Tabletts verschiedene herzhafte Muffins angeboten werden. Jeder von uns sucht sich eins aus. Sie schmecken alle köstlich und vor allem sehr unterschiedlich. Das bestellte Essen ist typisch brasilianisch mit Reis und Bohnen, das Fleisch zart und lecker. Zwischendurch kommt der Kellner noch mit einem Schnaps, der aus Cachaca mit Honig und Ingwer besteht. Er schmeckt süßlich und gar nicht so stark, wie ich befürchtet habe. Nach diesem Mahl sind wir sehr zufrieden und sehr satt. Dennoch gelüstet es mich nach einem Eis. So gehen wir ein paar Schritte, beobachten dabei Transvestiten, Kleinkünstler und leider auch schnüffelnde Menschen, wie sie sich auf den Straßen dort bewegen. Ricardo hat einen scharfen Blick und zeigt uns problematisch wirkende Personen, von denen eventuell Gefahr ausgehen könnte. Wir landen schließlich in einem netten Gartenrestaurant, in dem ich mein Eis, Uwe seine Caipi und Ricardo seinen Kuchen bekommen. Dazu spielt im Hintergrund dezent eine Sambagruppe. Auf der Suche nach einem Taxi macht uns Ricardo auch noch auf eine Seitenstraße aufmerksam, in die er nicht gehen würde. Ein Blick genügt, um ein mulmiges Gefühl zu bekommen. Es ist alles sehr düster und es huschen jugendlich aussehende Männer über die Straße. Ist das nun gefährlich oder nicht? Ich möchte es nicht ausprobieren!

 

Unser nächster Ausflug geht in eine Favela, allerdings mit einer gebuchten Führung. Die Dame, die uns 12 Touristen unter ihre Fittiche nimmt, erklärt auf der Fahrt im Kleinbus dorthin, dass viele der Favelas in den letzten Jahren befriedet wurden. Leider noch längst nicht alle. Die meisten Menschen Rios leben dort. Sie arbeiten in der Stadt als VerkäuferInnen, Fahrer, Kellner, Handwerker, ..... und sind in der Regel völlig friedliebende, freundliche und "normale" Menschen. Nur ihre Wohnsituation ist oft schwierig. 

Die Favelas sind durch Leute entstanden, die vom Land in die Stadt kamen und auf dem öffentlichen Gelände der Stadt ihre Häuser bauten. Da es so viele wurden, bauten sie sehr eng nebeneinander, übereinander und durcheinander. Falls es Bauvorschriften gibt, werden sie zumindest nicht beachtet. Der Strom wird von einer bestehenden Leitung abgezapft. Die Elektrik in diesen Vierteln ist schauerlich. Es hängen Kabel über Kabel in der Gegend rum. Ein verwirrtes Wollknäuel ist übersichtlich dagegen. Wenn nach 5 Jahren niemand Einspruch erhebt, gehört das Land unter ihrem Haus ihnen. Sie müssen dann Grundsteuer bezahlen, sich registrieren lassen, bekommen Wasser, Abwasser, Strom. Der Versuch die Menschen in Wohnblocks mit Apartments unterzubringen ist gescheitert, da sie in eigenen Häusern leben wollen. Häufig herrschen in den Vierteln Drogenbosse. Sie bestimmen was, wie läuft und kämpfen gegen andere mit roher Gewalt. Schießereien sind dort keine Seltenheit.

Die befriedeten Favelas wurden von diesen Menschen befreit. Wie das genau gelaufen ist, habe ich nicht verstanden. Die Führerin meint, sie werden verhaftet, ich habe aber auch schon gelesen, dass man ihnen andere Gebiete zur Verfügung gestellt hat. Von uns aus, ist das alles schwer einzuschätzen.

Wir sind auch ein Stück durch eine Favela geführt worden. Die Häuser berühren sich fast alle. Alles ist nur durch schmale Gänge getrennt, die Häuser sind unterschiedlich hoch und sehr unterschiedlich gepflegt. Mal stehen Grünpflanzen vor der Tür, mal quillt der Abfall raus. Fensterglas gibt es fast nirgends. Wir können den Menschen direkt ins Zimmer gucken. Dort, wo wir entlang gehen, ist der Untergrund betoniert. Das Regenwasser kann ablaufen, die Häuser haben Kanalisation.  In anderen Favelas besteht der Untergrund aus Sand und Erde, nicht alle Häuser haben Abflüsse. So läuft das Abwasser direkt aus dem Haus. Wie das riecht, kann sich jeder leicht vorstellen. Bei starkem Regen fließt dann der Weg auch noch weg, so dass alles verschmutzt und Krankheiten leichtes Spiel haben.

Schulen und Krankenhäuser werden jetzt auch immer mehr in den Favelas gebaut. Es ist aber sicher noch ein sehr weiter Weg, bis es hier annähernd menschenwürdig zugehen kann.

 

Nach diesem beeindruckenden Erlebnis fahren wir am späten Nachmittag mit dem Taxifahrer zum Festpreis zum Corcovado. Das letzte Stück bergauf müssen wir einen Bus nehmen. Dann geht es noch einige Stufen hinauf und wir stehen unter dem Cristo. Ich hätte nicht erwartet, dass mich das so beeindruckt. Die Figur mit all ihren christlichen Bedeutungen sagt mir eigentlich nichts. Aber wenn ich so unter ihr stehe, fühle ich mich einerseits klein und unbedeutend, andererseits beschützt. Wenn er die Arme noch ein wenig einknicken würde, wäre letzterer Aspekt sicher noch ausgeprägter. Der Blick von hier über die Stadt ist großartig. Langsam geht die Sonne unter und die Lichter der Stadt an. Jeder hier oben fotografiert und schaut. Es ist eine friedliche, offene Atmosphäre. Gegen halb sieben werden wir freundlich aufgefordert zum Bus zu kommen. Artig kommen wir dem nach, um festzustellen, dass es eine lange, lange Schlange vor uns gibt. Schade, wir hätten sicher noch eine Viertelstunde dort oben verweilen können, ohne den letzten Bus zu verpassen.

 

Obwohl wir Rio wirklich richtig toll finden, drängt es uns, weiterzufahren. Am nächsten Morgen treffen wir Ricardo für ein Abschiedsfrühstück in einem Supermarktrestaurant in Leme, direkt neben der Copacabana. In dem Supermarkt bekommen wir endlich unseren Espresso, den ich bisher in keinem Laden gefunden habe. Wir kaufen noch ein paar Flipflops und Olympiabecher und verlassen die Stadt immer am Strand längs fahrend. Rio zieht sich noch lange hin. Wir fahren an einer noch im Bau befindlichen Busstrecke entlang, an der sich unendlich viele Hochhäuser befinden, die zum Teil sehr modern und teuer wirken. Nach unserer Beobachtung ziehen die wohlhabenden Cariocas in diese Häuser, weil der Schutz vor der Kriminalität hier leichter zu gewährleisten ist.

Schöne, erfüllte Tage liegen hinter uns und wir würden zur Olympiade gern wieder kommen. Mal sehen, ob uns das gelingt.

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