Patagonische Weiten und Winde

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115. - 122. Reisetag (07.11. - 14.11.2015)

Der ACA Campingplatz in Puerto Madryn wird von uns genutzt, um die Heizung mit Essigwasser einzuweichen und zu entkalken. Der Geruch hält sich wirklich in Grenzen und nach einer Nacht wird die Heizung gespült und gespült, bis kein Essiggeruch oder-geschmack mehr spürbar sind. Später stellt sich dann zum Glück heraus, dass das Tropfen des Überdruckventils wirklich weniger wird und bald ganz ausbleibt. Hurra! und ein herzliches Danke an Charly für diese sehr gute und hilfreiche Idee!

Das Generve mit dem Internet probieren wir auch konstruktiv zu lösen. Andreas aus unserem Nachbarlandkreis Bad Oldesloe, der mit einem großen MAN Truck unterwegs ist, gibt uns den Tipp, eine Simkarte von Claro zu kaufen. Das geht hier schnell. Sie kostet uns 40 Peseten und für die Nutzung des Internets muss man 4,- Pesos (24Cent) pro Tag bezahlen. Bei einem gut laufenden 3G-Netz funktioniert das Internet tatsächlich. Leider lässt sich kein Hotspot machen, was bei Andreas noch ging. Schade, jetzt gehe ich wieder leer aus. Das ist nur deshalb nicht so schlimm, weil es in der Zukunft fast nie ein gut laufendes 3G-Netz gibt und wir auf die Suche nach einem WLAN angewiesen bleiben. Eine zweite Karte für mich wäre kein Problem, aber wo im unendlichen Patagonien gibt es einen Claroladen?

Patagonien: 

Große, weite, meist ebene Flächen bewachsen mit dornigen Sträuchern, grünen aber sehr spitzen und harten Gräsern soweit das Auge reicht, 
Straßen, die stur geradeaus laufen, alle 25km mal eine leichte Kurve 
Wind, stetig mit Böen und meist stark von Westen oder Süden oder .....

Unsere Ikeaschrankwand (gemeint ist unser Auto) wird entweder gut angeschoben, kämpft mit aller Kraft gegen Gegenwind oder fängt unbehaglich an zu schaukeln, wenn der Wind von der Seite kommt.

Aber, wir haben Glück. In den ersten Tagen auf den patagonischen Straßen ist es fast windstill, die Sonne scheint, die Temperaturen sind bei 22 bis 29 Grad. Die kurzen Hosen kommen wieder zum Einsatz, wie schön!


Punta Ninfas, unser erstes Ziel nach Puerto Madryn, liegt an der südlichen Spitze des Golfos Nuevo gegenüber der Valdezhalbinsel. Unser Auto steht auf dem Plateau der Steilküste, dem Wind ausgesetzt. Gemeinsam mit  Daniel aus Frankreich fotografieren wir die Seeelefenaten, die unten am Strand liegen. Über eine interessante Hühnerleiter muss man die steilste Stelle herunterklettern. Marion, Daniels Frau, mag das nicht und hütet oben die Autos, denn auch hier sind schon Einbrüche vorgekommen. Die Tiere sind sehr entspannt. Sie gucken und rülpsen, wenn man ihnen zu nahe kommt. Bevor sie ihre Massen in Bewegung setzen, muss man so nah an sie heran, dass die eigene Fluchtdistanz unterschritten wird. Zwei Tage lang beobachten wir die Tiere und genießen die Ruhe, die sie ausstrahlen. 

Auf unserem Weg gen Süden liegt die kleine Stadt Rawson. Wir nähern uns von Osten und beobachten ganz irritiert am Straßenrand zwei Tankwagen, die eine widerlich stinkende Brühe einfach  in die direkte Nähe eines Flusses ablassen. Auf der Weiterfahrt sehen wir links und rechts von der Straße eine unkontrollierte Müllkippe. Wir haben ja schon viel vermüllte Landschaft gesehen, dies übertrifft jedoch alles.

Am Rawsoner Hafen kaufen wir an einem kleinen Stand ein Kilo gepulte Langusten für nur 70 Pesos, keine 4€.  Sie sind ganz frisch und schmecken mit Knoblauch und Öl aus der Pfanne sehr lecker. Dafür würden wir in Deutschland ein Vielfaches bezahlen.


Unser nächstes Ziel ist der Playa Isla Escondida. Hier kann man an den Strand fahren, denn die Steilküste ist hier durchbrochen. Direkt vor dem Auto liegen anfangs drei Seeelefantenbullen, die alle auf ein Weibchen mit Jungem fixiert sind. Ein viertes Männchen nähert sich immer wieder über Land oder durchs Wasser und versucht, an das Weibchen heran zu kommen. Aber es hat kein Glück: der größte und stärkste Bulle verscheucht ihn immer wieder. Die Bullen werden bis zu 5 Tonnen schwer, während die Weibchen nur 900 kg auf die Waage bringen. Ein eindrucksvolles Schauspiel!

Am Strand liegt auch ein Jungtier, das den Kampf des Lebens schon verloren hat. Eine Flosse wurde ihm abgerissen und sein Körper zeigt viele blutige Wunden. Mit groß aufgerissenen Augen liegt es da und zittert. Wie es zu diesen Verletzungen kam, wissen wir nicht. War es ein Orka oder ein anderes feindlich gesonnenes Tier? Zumindest hat es um sein Leben gekämpft und konnte entkommen. Leider muss es trotzdem sterben. Wir hätten ihm das Leiden des nächsten Tages, an dem die Riesensturmvögel und die Möwen es bei lebendigem Laib aufpickten, gern erspart. Aber ohne schweren Stock oder eine Waffe haben wir keine Chance ihm den Gnadentod zu gewähren. 

Die Tiere hier sind zumindest morgens sehr viel aktiver als in Punta Ninfas und wir bekommen ganz andere Bilder, so dass der Spaß am Fotografieren erhalten bleibt.


Das Naturreservat Cabo dos Bahias gefällt uns landschaftlich sehr. Rote Felsen, zerklüftete Steilküste und ein Blick auf das Meer sind wirklich beeindruckend. Viele Guanakos laufen hier herum und reagieren relativ entspannt auf die herumfahrenden Autos. Die Mangellanpinguinkolonie wird allerdings gerade mit einem Laufsteg versehen, der uns die Lust nimmt, die Tiere zu fotografieren. Das metallene Gitter, mit dem der Steg versehen wird, hat sehr scharfe Kanten, an denen sich die Tiere eventuell sogar verletzen können. Da wir hoffen, auf den Falklandinseln die Tiere ganz im Freien vor die Linse zu bekommen, beenden wir unseren Besuch hier schnell und parken auf einem von iOverlander empfohlenen Platz direkt vor dem Reservat. Wir fahren soweit es geht von der Straße weg an die Küste und hoffen auf eine ruhige Nacht. Doch um 23:20 Uhr wird Uwe von dem Scheinwerferlicht eines auf uns zufahrenden Autos geweckt. Es fährt einmal um uns herum, bleibt kurz vor uns stehen, um dann zur Straße zurückzukehren. Hellwach und irritiert überlegen wir, was das wohl soll? Glücklicherweise ist nichts passiert! Den Rest der Nacht verbringen wir im Halbschlaf mit einem offenen Ohr!

Die Estancia Bahia Bustamante ist ein kleiner Ort an der Küste, wo ursprünglich von ca. 500 Mitarbeitern Algen aus dem Meer zu Agar Agar verarbeitet wurden. Heute arbeiten auf dem Gelände noch 40 Leute, von denen ein Teil weiterhin Algen für den Welthandel aufbereitet. Sie werden z.B. für Gelee oder Haargel benutzt. Die alten Gebäude stehen noch und auf dem Gelände befinden sich lange Gestelle, auf denen die Algen, geschützt von Netzen, zum Trocknen ausgelegt werden. Die anderen Menschen arbeiten im Tourismus der Estancia. Es gibt kleine Bungalows, in denen man wohnen kann. Außerdem werden Touren über die landschaftlich sehr schönen Halbinseln der Umgebung angeboten. Wir kommen dort an und werden von Rosario, einer jungen Frau mit einem Studium im Hotelfach, begrüßt. Im Gespräch stellt sich raus, dass sie im nächsten Jahr gern nach Europa gehen möchte, um eine weitere Sprache zu lernen und die Lebenswelt der Europäer näher kennen zu lernen. Außerdem ist sie begeisterte Hockeyspielerin. Da Hockey ein beliebter und erfolgreicher Sport in Hamburg ist, weisen wir sie darauf hin und sind sicher, dass wir sie im nächsten Jahr dort begrüßen können. Sie sucht eine Aupairfamilie, damit sie die Sprache schnell lernt und ein Zuhause hat.

Wir dürfen unser Auto auf der Estancia kostenlos parken und sogar am Nachmittag mit unserem Auto die nächste Halbinsel auf eigene Faust selbst entdecken. Die Landschaft beeindruckt uns sehr. Am Strand finden sich verschiedene Steinformationen und überall liegen vielfältige Muscheln und Algen herum, die wir in einer solchen Menge noch nirgendwo gesehen haben.  Wir sammeln einige kleine schöne Exemplare und genießen die Ruhe.


Besonders beeindruckt haben uns zwei Gäste, mit denen Uwe ins Gespräch kommt. Gemeinsame Interessen an Fotos und Videos verbinden die beiden Männer schnell. Nach ca. einer Stunde Gespräch, wir Frauen hören zu diesem Zeitpunkt mehr zu, stellt Uwe seine übliche Frage nach der beruflichen Tätigkeit. Er sei Regisseur, ist die Antwort. Nach und nach kommt raus, dass wir mit Wolfgang Becker und seiner Frau Susanne Petersen sprechen. Er ist sehr charismatisch und stellt sich sonst als pensionierter Geschichtslehrer vor. Da er politisch sehr informiert ist und mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält, glaubt ihm das auch jeder. Wir sitzen an diesem Tag mehrere Stunden zusammen und laden die beiden am nächsten Morgen noch mal auf einen Latte Macchiato in unser Auto ein. Es ist sehr anregend mit ihnen zu reden und auf der Weiterfahrt halten sie noch einmal an, um uns um den Wechsel von 50€ in Pesos zu bitten, da die argentinischen Banken zurzeit kein Bargeld ausspucken, wenn eine deutsche Kreditkarte im Spiel ist.

Während wir weiter in Richtung Comodoro Rivadavia fahren, wird der Wind immer stärker. Natürlich bläst er von vorn oder schräg von der Seite. Wir kommen nur langsam voran. In der Stadt fällt uns auf, dass es an den Tankstellen lange Autoschlangen gibt. Auf Nachfragen erfahren wir, dass es wohl Probleme gibt. Unser Tank ist diesmal richtig leer, denn wir haben auch den Zusatztank genutzt. Dennoch riskieren wir es, uns nicht an die Schlange anzustellen, sondern etwas weiter in Richtung Stadtausgang zu fahren. Hier haben wir dann tatsächlich Glück. Beide Tanks werden gefüllt und der Warnung vor dem Sturm von einem Autofahrer folgend, steuern wir den Campingplatz in Rada Tilly an. Dort stehe wir so windgeschützt, dass wir abends sogar mit Anke und Andreas, die wir in Puerto Madryn bereits getroffen haben, grillen können.

Am nächsten Morgen starten wir früh und haben Rückenwind. Obwohl wir ein wenig Angst vor dem Stärker werden des Windes haben, halten wir kurz hinter Caleta Olivia an der Steilküste, um uns die Seelöwenkolonie, die dort lebt, anzugucken. Eng nebeneinander liegen die Tiere, die kleinen kriechen über die großen, die Bullen bauen sich hin und wieder groß auf, damit sie den Respekt der anderen behalten. Zum Fotografieren kann man recht nah an sie heran gehen. Man wird einfach ignoriert.

Wir fahren weiter nach Puerto Deseado. Die Strecke ist jetzt klassisch patagonisch. Am Sonntag ist klar, wer am Montag kommt. Gab es bisher noch kleine Abwechslungen in der Landschaft durch Hügel oder Flussbetten, so geht es jetzt nur noch stur geradeaus. Die Pflanzen sind kleiner geworden, alles wirkt doch etwas trostlos. Der Ort selbst ist überschaubar und weder reich noch arm. An der Küste gibt es viele Felsen und in der Flussmündung liegen kleine Inseln, die von Vögeln, dabei auch von Pinguinen bewohnt werden.

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Kommentar von Hans-Georg |

Von Zeit zu Zeit lese ich euren Reiseblog oder schaue mir Fotos an: Tolle Motive, super Bilder.
Ich wünsche euch beiden weiterhin viel Spaß und interessante Eindrücke aber auch Muße und Gelassenheit.
Grüße aus Magdeburg
Hans-Georg

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