Die Einsamkeit der argentinischen Anden im Norden

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264. - 274. Reisetag (04.04. - 14.04.2016)

Bevor ich unsere Reise weiter beschreibe, möchte ich ein paar Worte über ein überaus nerviges Problem loswerden: In Argentinien kommen wir nicht an Geld!

Seit der Präsidentenwahl ist der Bluemarket gestorben und alles läuft legal. Das ist sehr angenehm und gefällt uns gut. Wie funktioniert es jetzt? Im Prinzip gar nicht! Da fragt sich die Reisende: „Will das Land unsere Devisen nicht? Die muss es doch gut gebrauchen können?“ 

Nun, in den großen Supermärkten und an den meisten Tankstellen kann man mit einer Kreditkarte bezahlen. Neben dem Pin und dem Ausweis wird auch eine Unterschrift erwartet, aber damit kann man ja leben. In kleineren Geschäften, an Straßenständen oder auf Märkten und in abgelegeneren Dörfern heißt es aber immer: "Efectivo, por favor!" Was kann man tun, wenn das Bargeld alle ist? 1. Wir suchen einen ATM - einen Bankautomaten. Dieser erzählt uns jedoch, dass diese Karte leider nicht funktioniert. Wir probieren eine andere mit dem selben Ergebnis! 2. Wir fragen rum, wer bereit und in der Lage ist, Dollar oder Euro in Pesos zu tauschen. Ein Runde durch den Ort beginnt. Der eine ist nicht da, der andere hat gerade kein Bargeld, der nächste feilscht lange um den Kurs. Das ist ja auch sehr verständlich, denn die Argentinier erleben eine Inflation von zeitweise 35%. Das heißt der Liter Milch und das Brot werden jeden Tag teurer, ohne dass die Löhne steigen. Manchmal haben wir Glück. In Cachi begleitet uns eine Bankmitarbeiterin zum Automaten und hilft uns so lange, bis er unsere Karte akzeptiert und tatsächlich 2000 Pesos, ungefähr 122€ ausspuckt. Oh, was sind wir froh, endlich wieder Bargeld zu haben! Wahrscheinlich fragt sich jetzt der Leser, worin der Trick besteht. Nun, man drückt ganz zum Schluss, wenn man die Auswahl zwischen 5 Möglichkeiten hat, nicht auf den Kreditkarten Button (was logisch wäre), sondern auf die letzte Option. Leider wissen wir nicht mehr, was da stand, aber es hat funktioniert.

 

Zurück zur Tour: 

Nach einer ruhigen Nacht in den Dünen nördlich von Fiambala - ja es gibt dort Mitten in den Bergen echte Sanddünen, die für die Dakar ausgiebig genutzt wurden!!! - wollen wir auf einer dünn eingezeichneten Straße gen Norden fahren. 


Zu Beginn verfolgen wir das weite Tal, dass immer enger wird. Wir überqueren einige ausgetrocknete Flussbetten und kaufen noch ein paar Kleinigkeiten im letzten Dorf vor der Passüberquerung. Der Ladenbesitzer meint, dass wir 3 Stunden bis zu den Piedras Pomez (Tuffgesteinformationen) brauchen werden. Die Straße windet sich bergauf und wird immer schlechter. Nach dem allerletzten Haus müssen wir wirklich mit seitlichen Abbrüchen rechnen und es holpert ohne Ende. Dann geht es recht steil bergab. Einige Auswaschungen haben Teile der Straße ausgespült, so dass wir Steine verlegen und langsam, langsam runter fahren. Nach zwei weiteren schwierigen Stellen kommen wir am Flussbett an, das durchfahren werden muss. Hier liegen extrem viele runde Steine, die unter den Rädern des Dailys wegrutschen und kaum Halt bieten. Uwe geht die Strecke ein paar Hundert Meter ab und stellt fest, dass es so weiter geht. Da wir nicht wissen, in welchem Zustand die Straße nach dem Fluss ist, beschließen wir tatsächlich, umzukehren. Anfangs ist das kein Problem. Der Daily zieht mit gewohnter Souveränität den Berg wieder hinauf, bis wir zur ersten schwierigen Stelle kommen. Hier muss Uwe ganz weit links fahren, was ihm aber nicht ganz gelingt. Durch die Hangneigung verliert der Wagen auf dem weichen Untergrund die Haftung, rutscht seitlich ab und wird von einem Felsen aufgehalten. Glücklicherweise ist der Fels hier sehr weich und bröselig. Mit viel Energie schaufelt und hebt Uwe das Gestein beiseite, die Löcher füllen wir mit Steinen auf und es gelingt, den Wagen nach oben zu fahren. Der untere Staukasten und das Rücklicht sind beschädigt, unsere Nerven liegen blank, aber wir können weiter fahren. Welch ein Segen!


Nun müssen wir doch den langen Umweg über die asphaltierte Strecke nehmen. Es regnet ausnahmsweise, was uns aber nicht stört, da wir 450km fahren müssen. Als wir endlich wieder in den Bergen sind, nehmen uns die Anden mit ihrer Vielfalt wieder gefangen. Die gut ausgebauten Schotterstraßen sind gut zu befahren und führen uns in den nächsten Tagen durch atemberaubende Landschaften, die auch von den Fotos nur unzureichend wieder gegeben werden können. 

Doch der Reihe nach: Zuerst fahren wir zum Campos de Piedra Pomez. Auf dem Weg dahin überqueren wir einen Pass, der annähernd 4200m hoch ist. War es vorher recht kühl mit 10 Grad, wird es nun wieder angenehm warm und die Landschaft nimmt uns mit ihren Farben gefangen. Die Berge sind unterschiedlich bunt, schwarze Vulkane und weiße Sanddünen wechseln sich ab. Zum Campos geht es über eine riesige Hochebene auf ungefähr 3100m. Wir können uns gar nicht satt sehen, vor allem weil der Himmel bewölkt ist und die untergehende Sonne dramatische Lichtverhältnisse schafft. Wir müssen im Hellen ankommen, wollen aber auch kein Foto verpassen. Als wir endlich bei den Tuffsteinformationen sind, müssen wir unseren Platz im Dunkeln suchen. Außer uns ist keine Menschenseele da. So finden wir hinter einem großen Felsen Schutz vor dem Wind und gehen schlafen.


Am nächsten Morgen sehen wir dann, wo wir stehen. Ein riesiges Gebiet ist von diesen besonderen Felsen geprägt. Sie erinnern mich ein wenig an gebräunten Baiser. Viele sind oben und am Rand etwas bräunlich, ansonsten beige. Die Formen sind grob, das Gestein der weißen Wüste in Ägypten ist filigraner. Wir machen etliche Kopterflüge, die einen Eindruck vom Ganzen bieten, und probieren uns dann am Fotografieren, was nicht einfach ist. Den Tag nutzt Uwe, um das Auto zu reparieren. Das Schutzgitter des rechten Rücklichts ist ziemlich verbogen. Mit dem Bordwerkzeug wird jetzt gehämmert und geschraubt. Der Staukasten kann wieder so gerade gebogen werden, dass er schließt, allerdings auf Kosten der Staub- und Wasserfreiheit. Das Rücklicht muss an einigen Stellen geklebt und die Glühbirnen ausgetauscht werden. Nach etlichen Stunden sieht unser Auto aber fast wieder ganz gesund aus. Auch im Abendlicht, diesmal leider ohne Wolken, ist es nicht einfach, aussagekräftige Fotos zu schießen. Wir probieren es trotzdem.

Weiter geht es nach Antofagasta de La Sierra, einem kleinen Bergdorf mit Infrastruktur und kleinem Laden. Von dort aus fahren wir über zwei Pässe von einer Höhe von 4200m und 4600m nach Antofalla. Diese Strecke geht durch ein längliches schmales Tal, in dem sich ein Fluss entlang schlängelt. Rechts und links von seinem Bett gibt es grünen Bewuchs, auf dem sich Lamas, Vecunias, Guanacos und Alpakas tummeln. Manchmal sieht man auch Ziegen. Wenn Hunde auftauchen, ist ein Hirte oder eine Hirtin nicht weit. Sie hütet dann die Lamas oder die Alpacas. Sie werden als Nutztiere gehalten, während die anderen wild durch die Gegend laufen. Dieser lebendig grüne Talgrund zwischen den hohen abweisenden Bergen beeindruckt uns sehr. Das Dorf Antofalla wird nur von 40 Menschen bewohnt. Es empfängt uns mit einem nagelneuen Platz, auf dem Bänke und Spielgeräte für Kinder stehen.  Geht man in das Dorf hinein, so sind alle Häuser aus Lehm und haben keine Fenster sondern nur Luken. Alles wirkt sehr arm, obwohl durchaus Autos und sogar ein Quad auf den Wegen stehen. Einige Dorfbewohner sitzen oder stehen draußen rum und unterhalten sich mit einem Nachbarn oder gucken einfach nur. Wir übernachten am Spielplatz und haben eine ruhige Nacht.

Auf der Weiterfahrt geht es wieder bergauf. Die weiten Hochebenen sind einfach unfassbar. Auf 4000m Höhe wachsen grüngelbe Grasbüschel soweit das Auge reicht. Immer mal wieder sind dort wild weidende Tiere zu sehen. Die Straße zieht sich schnurgerade über die Ebene und das Gefühl, nie anzukommen, macht sich in einem breit. Wir fahren und fahren und kommen erst nach langer Zeit am anderen Ende an. Unglaublich!


Nun geht es hinunter zum Salar de Arizaro. Der ausgetrocknete Salzsee bedeckt eine riesige Fläche. Kurz bevor man sie überquert, befindet sich auf der linken Seite eine Mine. Neugierig, wie wir nun einmal sind, biegen wir ein und fahren auf das Gelände. Dort werden wir sehr freundlich von zwei Mitarbeitern begrüßt und auf einen Zitronensaft eingeladen. Die beiden sind für den Erhalt und die Pflege der Gebäude zuständig, denn bisher wurde das Gelände nur erforscht, für die Ausbeutung fehlt das Geld. Der jüngere zeigt uns das Gelände und die begonnenen Arbeiten. Hier soll einmal Gold und Kupfer gewonnen werden. Zu unserer Überraschung gibt es sogar Internet. Der Generator für den Strom wird angestellt und wir können unsere E-Mails abrufen und kurze Lebenszeichen an unsere Lieben zuhause schicken. Faszinierend, so mitten in der Einöde!

Die Überquerung des Salzsees ist dank der recht guten Straße problemlos und wir kommen in Tolar Grande während der Siesta an. Das Dorf wirkt ausgestorben und öde. Die Häuser im Adobestil gebaut, liegen an breiten Sandstraßen, kaum ein Mensch ist unterwegs. 4km weiter finden wir die Ojos de Mar. Am Rand des Salzsees liegen drei kleine Teiche, die türkises Wasser enthalten. Sie sind über einen Steg zugänglich. Man soll ihr Wasser nicht berühren, da es wohl bestimmte Bakterien sind, die dafür sorgen, dass das Wasser nicht verdunstet und die eindrucksvolle Farbe behält. Wir übernachten auf dem neuen Parkplatz davor und lassen am Morgen den Kopter mehrmals fliegen, um schöne Video- und Fotoaufnahmen zu machen.


Weiter geht es in Richtung San Antonio de los Cobres. Die Anden begeistern uns immer noch durch ihre Vielfalt. Wir fahren die Siete Curvas, Serpentinen, die an einem Salar, dem Desierto del Diabolo, enden und einen Blick auf ganz braune Lehmberge freigeben. Sie liegen vor uns, als seien sie mit einer Sahnetülle gespritzt. Wir suche uns einen Stellplatz und warten auf das Abendlicht. Leider scheint die Sonne so unglücklich auf diese Berge, dass es kaum Schatten gibt.


Am nächsten Morgen halten wir bei der Eisenbahnbrücke bei La Polvorilla. Das Viadukt überspannt in 4220m Höhe einen Wüstencanyon von 224m und ist 63,5m hoch. Es erinnert sowohl an den Eiffelturm als auch an die Hochbrücke bei Rendsburg. In einem Zickzackkurs gehen wir langsam neben der Brücke nach oben. So weit sind wir inzwischen an die Höhe gewöhnt, dass wir das schaffen. Nicht die Muskelkraft ist das Problem, sondern deren Versorgung mit Sauerstoff. Die Eisenbahnlinie führt von Salta in Argentinien nach Antofagasta in Chile. Ursprünglich für den Transport von Salpeter gedacht, wurde sie 1922 in Angriff genommen. 27 Jahre Bauzeit waren nötig, 3000 Höhenmeter mussten überwunden werden. Da die Steigung 2,5% Grad nicht übersteigen durfte, war der Bau sehr mühsam.  Zeitweise ist der "Tren a las Nubes" - Zug in die Wolken - als Touristenattraktion von Salta nach La Polvorilla gefahren. Die Strecke ist sehr beliebt, zurzeit aber leider eingestellt.


San Antonio de los Cobres ist ein größerer Ort, der ebenfalls in der grellen Mittagssonne liegt, als wir ihn erreichen. Wir brauchen ein wenig Benzin, können auch hier nur bar bezahlen. Zähneknirschend tun wir das - siehe oben! Inzwischen sind wir wieder auf der Quarenta, der Straße Argentiniens! Und sie hat ihren guten Ruf wirklich verdient. Wir fahren in südlicher Richtung nach Cachi und können uns nicht satt sehen. Insbesondere die Strecke nach dem 4995m hohen Pass Abra der Acay ist unbeschreiblich. Auf einer gut fahrbaren, aber recht schmalen Straße geht es in engen Serpentinen bergab. Der Ausblick ist sagenhaft und die Abbruchkante bedenklich nah. Dennoch ist es ein Genuss zu sehen, was die Natur sich so ausgedacht hat. Ein Wechsel zwischen unnahbarer steinerner Berggewalt und lieblich grüner Flusstäler, die weiter unten landwirtschaftlich genutzt werden. 

Der Ort Cachi reißt uns aus unserer Naturbetrachtung völlig heraus. Hier finden wir einen Ort, dessen Dorfplatz liebevoll gestaltet  und von Kolonialzeitbauten umgeben ist. Es gibt Straßencafés und Restaurants und einen Camping Municipal, der ruhig, sauber und gepflegt ist. Wir bleiben hier zwei Nächte, lassen unsere Wäsche waschen, putzen ein wenig unseren Daily, gehen lecker essen, genießen die Cafés und die netten Nachbarn auf dem Zeltplatz. Nach soviel toller Natur ist ein wenig Zivilisation auch nicht zu verachten.


Als wir uns losreißen, um nach Cafayate zu fahren, werden wir ganz schnell wieder von der Quarenta gefangen genommen. Diese Landschaften sind einfach toll. Mal sind es Kakteen, die eine Fläche besiedeln, mal sind es Gesteine, die so schräg aus dem Boden wachsen, dass ich es kaum fassen kann. Ein Flussbett breitet sich aus, ein Friedhof lockt einen mitten in der Landschaft. Es gibt immer was zu sehen und wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. In Cafayate gehen wir wieder auf einen Campingplatz, weil er angeblich Internet haben soll und wir einiges zu regeln haben. Der Platz ist okay und hungrig gehen wir in den Ort. Auch hier gibt es einen großen Platz, um den herum sich die Restaurant angesiedelt haben. Man merkt, dass hier in der Saison der Bär tobt. Jetzt ist es ruhig, besonders weil wir um 19.00 Uhr unterwegs sind. Wir suchen den angepriesenen Empanadabäcker. Der wirft uns aber buchstäblich aus seinem Restaurant, mit den Worten, dass es vor 21.00 Uhr nichts geben wird. Oh la la, das wird schwierig! Wir sind so hungrig. Also umkreisen wir den Platz und die Nebenstraßen, gucken nach T-Shirts und kaufen ein paar Walnüsse, damit der Magen nicht so ganz durchhängt. Endlich ist es halb neun und wir probieren unser Glück. Wir dürfen gemeinsam mit 3 anderen hungrigen Gästen Platz nehmen und bekommen die Fleischempanadas vom Vortag aufgewärmt. Aber sie schmecken hervorragend und wir sind dankbar, dass wir sie essen dürfen. Der Preis ist schon fast peinlich: Für 12 kleine Empanadas zahlen wir 60 Pesos (4€).

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Kommentar von Ralph |

Hallo Silke und Uwe.
Ich begleite erst seit ein paar Tagen über euren tollen Blog die spannende Reise. Ist schon faszinierend, wie ihr das bisher gemanaget habt. Ich selbst muss meine Frau erst noch überzeugen, denn sie würde das wohl auch sehr gerne so hautnah erleben, aber die Risiken schrecken sie ab. Ich hab da noch einiges zu tun, abgesehen vom geeigeneten Mobile´, das nur im Kopf konkret ist. Vielleicht könntet ihr zu den Ängsten und unangenehmeren Vorfällen auch mal etwas erzählen, wenn man mutterseelenallein weit weg herumkutscht und mit der vermeintlichen Luxusherberge auf Rädern doch bestimmt auch Begehrlichkeiten erweckt!? Oder sind das nur die üblichen Vorurteile, die im Grunde genommen unbegründet sind?
Bon voyage und immer eine Handbreit Diesel im Tank von Ralph!

Kommentar von Kerscho |

Servus,

alter Falter, das war ja eine Stecke, Respekt!!!! Grandiose Bilder und ich hatte grad beim lesen Schweißperlen auf der Stirn. Passt auf euch auf, wir möchten euch wieder sehen und die spannenden Geschichten von euch erzählt bekommen.

Lg Kerscho

Kommentar von Dionys Moser |

Lieber Uwe
Du kannst dir sicher sehr gut vorstellen, dass es in mir ziemlich hüpft vor Freude, wenn ich die Bilder zu deinem spannenden Bericht sehe!
Unglaublich spannende Landschaften besuchst du da! Ich möchte am liebsten gleich mitfahren!
Freue mich jetzt schon auf den nächsten Bericht!
Gute Fahrt!
Dionys

Antwort von Uwe Hasubek

Lieber Dionys,

das freut mich sehr. Ja, wir haben hier eine grandiose Zeit!. Jetzt geht es über den Paso Sico nach San Pedro de Atacama und dann bald auf die Lagunenroute durch Bolivien.

Viele Grüße

Uwe

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